Ich bin eine Thüringerin aus Weimar.

Die Weltspitze zum Greifen nah

Alma Bestvater ist mit 21 Jahren schon eine Spitzenathletin. Die junge Frau aus Weimar gehört zu den besten deutschen Bouldererinnen und reist auf Wettkämpfe in aller Welt. Ihrer Thüringer Heimat bleibt sie treu: Im Herbst hat sie ihr Sportstudium in Jena begonnen.  

Volle Konzentration: Alma Bestvater steht vor einer weißen Kletterwand mit bunten Griffen. Ihre Haltung ist aufrecht, der Körper gespannt. Elektrosounds dröhnen aus den Lautsprechern in der Boulderhalle „Plan B“, einer ehemaligen Fabrikhalle in Jena. Ein letztes Mal greift die 21-Jährige in den kleinen Beutel, der ihr um die Hüfte hängt – den sogenannten Chalk-Bag –, und reibt sich die Hände mit Magnesia ein. So rutschen sie später nicht so leicht von den Klettergriffen ab.

Bestvater trägt ein blaues Top, Sporthose und spezielle Boulderschuhe, deren Gummisohlen für bessere Haftung beim Klettern sorgen. Ein letztes Durchatmen, dann legt sie los: Mit einem Satz schwingt sie sich auf die ersten Griffe und klettert in Windeseile die Wand entlang. Jeder Schritt und jeder Griff sitzen wie eine präzise abgestimmte Choreografie von Armen und Beinen. Auf ihrem kleinen, schmächtigen Körper zeichnen sich dabei wie eingraviert die Muskeln ab. Danach hangelt sich Bestvater an einem Vorsprung entlang, über Kopf, zeitweise mit nur einem Arm am Griff. Es sieht leichtfüßig aus. Als würde es sie kaum Kraft kosten. Als wäre das alles ein Kinderspiel.

München oder Köln? Alma Bestvater entschied sich für Jena

Bouldern ist Klettern ohne Seil oder Gurt. Die Kletterwand ist dafür auch nur 4,5 Meter hoch. Es kommt also nicht darauf an, möglichst hohe Gipfel zu erklimmen, sondern besonders schwierige Herausforderungen zu meistern, oft unter Zeitdruck. Boulderer hangeln sich von einer Seite zur anderen, hängen an Felsüberhängen häuptlings über dem Boden und schwingen sich von dort zum nächsten Klettergriff.

Dabei entscheidet die Technik darüber, wer sich an der Wand halten kann und wer hinunterfällt. Alma Bestvater fällt mittlerweile nur noch selten. Die gebürtige Weimarerin ist eine der besten Bouldererinnen Deutschlands. Zum Zeitpunkt unseres Treffens führt sie die Bundesliga an und steht auf Platz 14 der Weltrangliste. Solche Erfolge kommen nicht von allein, sie erfordern intensives Training und beinharte Disziplin. Und ein Leben, das perfekt auf den Sport zugeschnitten ist. 

Familie, Freunde, Freiräume – Thüringen macht’s möglich

Das gilt auch für ihr Studium. Bevor wir Bestvater beim Bouldern zusehen, treffen wir sie in der Bibliothek der Friedrich-Schiller-Universität Jena. In Kapuzenpulli und Jeans, die Haare zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden, fällt sie nicht weiter auf. Hier ist sie eine von vielen Studierenden. Und das auch erst seit Kurzem. Seit dem Herbst dieses Jahres studiert Bestvater im ersten Semester Sportwissenschaften. Warum gerade diesen Studiengang? „Das Fach interessiert mich, und ich kann Studium und Sport an der Friedrich-Schiller-Universität sehr gut miteinander verbinden“, sagt die 21-Jährige und blickt aus dem Fenster im vierten Stock hinaus auf die malerischen Berghänge und die kleinen, roten Dächer der Thüringer Unistadt.

An der Friedrich-Schiller-Universität kann ich Studium und Sport sehr gut miteinander verbinden.

Sportwissenschaften hätte sie auch in Köln oder München studieren können, aber sie entschied sich für Jena. Wegen ihrer Familie, die im nahe gelegenen Weimar wohnt. Wegen der Freunde, die auch in der Region geblieben sind. Und weil ihr die Uni in Jena die Freiräume gibt, die sie für ihre sportliche Laufbahn braucht. „Da ich viel auf Wettkämpfe fahre, ist es wichtig, dass ich eine Klausur auch einmal ein paar Wochen später nachholen kann“, erklärt die Thüringerin. „In Jena sind die Dozenten und die Uni sehr aufgeschlossen, wenn es darum geht, mich freizustellen für den Sport.“ 

 

Herunterfallen gehört dazu

Die Kooperation der Jenaer Universität mit dem Olympiastützpunkt Thüringen macht es Bestvater möglich, in Teilzeit zu studieren und Klausuren für den Sport zu verschieben. Auch bei der Platzvergabe für Seminare wird sie bevorzugt behandelt. So kann sie sich ihren Stundenplan flexibel zusammenstellen, ohne beim Training Abstriche machen zu müssen.

Zurück in der Boulderhalle. Bestvater ist mit ihrem Training fertig und dehnt sich im Sitzen. Auf dem Boden der Halle fängt eine weitläufige Turnmattenlandschaft die immer wieder herunterfallenden Sportler auf. „Das Fallen gehört zum Bouldern dazu“, sagt Bestvater. „Man lernt, damit klarzukommen, dass nicht alles von Erfolg gekrönt ist.“ 

Um so schnell und geschickt wie Alma Bestvater zu sein, braucht man absolute Körperkontrolle. Und Fingerfertigkeit: „Die Fingerkraft ist sehr wichtig“, sagt Bestvater. „Man erkennt einen Anfänger daran, dass er kaum Kraft in den Fingern hat.“ Nach den ersten Trainings hatte sie Muskelkater im Unterarm, und die Haut tat ihr weh, weil sie die rauen Griffe noch nicht gewohnt war. Schon bald bildete sich die nötige Hornhaut. Der Sport verändert den Körper. „In der Pubertät war das ein Problem, weil ich auf einmal gemerkt habe: Hey, ich will überhaupt keinen so großen Bizeps“, erinnert sich die 21-Jährige.

Outdoor-Bouldern im Thüringer Wald

Weitergemacht hat sie trotzdem. Wer so viel Zeit in der Boulderhalle verbringt, lernt dort viele Menschen kennen. Über die Jahre hat sie dort auch Freundschaften geschlossen. „Bouldern ist ein sozialer Sport, wir tauschen uns hier viel aus und unterstützen einander beim Training“, sagt Bestvater. Bei schönem Wetter geht sie manchmal ins Freie und bouldert an richtigen Felsen. Zum Beispiel im Thüringer Wald, wo sie vor mehr als zehn Jahren zum ersten Mal kletterte.

Im vergangenen Jahr war sie sogar in Südafrika zum Outdoor-Bouldern. Durch die vielen Wettbewerbe ist Bestvater in ihrem jungen Alter schon ziemlich herumgekommen. Japan, Indien, USA. „Ich genieße es sehr, auf den Wettkampfreisen immer wieder neue Orte zu erkunden“, sagt sie. „Nach einigen Wochen in der Ferne freue ich mich aber auch wieder auf zu Hause. Auf ein richtiges Stück Brot zum Beispiel. Auf das Altbekannte eben.“

Das Altbekannte, das ist Weimar, ihre Heimat. Weimar ist von Jena mit dem Auto gerade einmal 15 Minuten entfernt. Deshalb kann Bestvater ohne Probleme in beiden Städten wohnen: in Jena bei ihrem Freund, in Weimar bei ihrer Familie. 

Harmonische Schulzeit an der Ilm

In ihrer Kindheit und Jugend besuchte Bestvater eine Waldorfschule. Sie liegt in einem ruhigen Weimarer Wohnviertel, direkt an der Ilm. Schon von Weitem hört man Kindergeschrei, die Grundschüler spielen im Hof. Vor dem Grundschulgebäude entdeckt Bestvater eine alte Birke, die eine besondere Bedeutung für sie hat. „Auf der bin ich als Kind immer herumgeturnt“, sagt sie und schwingt sich sogleich auf die unteren Äste. In kürzester Zeit erreicht sie fast die Baumkrone.

Ihre Leidenschaft für den Klettersport hat Horst Jäger-Mang entfacht. Mit seiner Kletter-AG ging der Sportlehrer regelmäßig in die Natur, zum Klettern unter freiem Himmel. Damals kletterte Bestvater noch ganz traditionell mit Seil. Sie war erst zehn Jahre alt, aber man konnte schon deutlich erkennen, was in ihr steckt. „Dass sie großes Potenzial hat, war damals schon klar“, sagt der 53-Jährige. Wenn ein Bericht über Bestvater in der Zeitung steht, schneidet Jäger-Mang ihn heute noch jedes Mal aus und hängt ihn im Lehrerzimmer auf. 

Unterstützung von der Thüringer Sporthilfe

Bestvater war eine ruhige Schülerin und saß meistens in der hinteren Reihe. „Da wird man nicht so oft drangenommen“, sagt Bestvater und lacht. Schule und Sport konnte sie immer gut miteinander vereinbaren, weil ihre Klassenlehrer sie in ihren Ambitionen unterstützten und sie öfter vom Unterricht befreiten, wenn sie wieder einmal zu Wettbewerben fahren wollte. Für die Fahrten zu Trainingslagern kommt die Thüringer Sporthilfe auf. Gerade für junge Athleten ist das wichtig, da man beim Bouldern nur wenig durch Preisgelder oder Sponsoren verdient.

Parallel zur Schule trainierte sie regelmäßig in einer Jugendgruppe des deutschen Alpenvereins. Dort wurde sie Schritt für Schritt an das Wettkampf-Bouldern herangeführt. Zu Beginn von ihrem Landestrainer Stephan Roth, der mit ihr auf regionale Wettkämpfe fuhr. Später von ihren Nationaltrainern, erst Udo Neumann, dann Urs Stöcker, der sie bis heute fördert und zu den Weltcups begleitet. 

2020 lockt Olympia

Nachdem Bestvater ihre alte Schulwerkstatt mit ihrem unverwechselbaren Duft nach frischem Holz besucht hat, wird sie nachdenklich: „Hier ist alles so wie immer, aber ich hab mich in der kurzen Zeit verändert“, sagt sie. „Ich bin viel selbstständiger geworden.“ Nach dem Abitur konzentrierte sich die Thüringerin ein ganzes Jahr lang nur auf den Sport. „Auf diese Zeit hatte ich mich sehr gefreut, aber leider war ich dann oft verletzt, da ich mein Training zu schnell zu stark erhöht hatte.“

Ende 2016 kam es dann doch zu einem Happy End: Bestvater erreichte den zehnten Platz bei der Weltmeisterschaft in Paris. „Und ab da wusste ich, dass ich realistische Chancen habe, bei internationalen Wettkämpfen in die Top Ten zu kommen“, sagt sie und lächelt.

Eine besondere Gelegenheit dazu bietet sich im Jahr 2020. Dann wird bei Olympia in Tokio zum ersten Mal gebouldert. „Klar ist Olympia ein großer Traum, aber ich denke momentan eher von einem Schritt zum nächsten“, erläutert Bestvater. Ein Grund für ihre Zurückhaltung: Bei Olympia werden neben dem Bouldern auch Seilklettern und Speedklettern bewertet. Das bedeutet eine große Umstellung im Training: „Das ist so, als würde man einem Sprinter sagen, du musst jetzt einen Marathon laufen“, erklärt sie. Bisher gelingt ihr das gut: Bei der Deutschen Meisterschaft holte sie Anfang November Bronze im Seilklettern. 

Kraft tanken in der Heimat

Wie kommt Bestvater mit dem Druck zurecht, der bei einem Wettstreit auf ihren Schultern lastet? „Beim Klettern bin ich voll im Tunnel“, sagt sie, „da denke ich gar nicht mehr, sondern mache einfach, was sich richtig anfühlt.“ Oft begreift sie erst, wenn die ersten Glückwünsche hereinkommen, dass sie gewonnen hat.

Und wie fühlt es sich an, nach einem Triumph nach Hause zurückzukehren? Wo sie nicht mehr Spitzensportlerin, sondern einfach wieder Alma Bestvater, Studentin, Freundin und Tochter ist? „Ich finde das sehr angenehm“, erklärt sie. „Wenn keine Aufmerksamkeit mehr auf mich gerichtet ist, kann ich wirklich zur Ruhe kommen.“

Wie in der Innenstadt von Weimar, wo ihr jeder Winkel vertraut ist. Die Herderkirche, das Rathaus mit dem Marktplatz davor und der Park rund um das Goethehaus, wo sie seit ihrer Jugend gern spazieren geht. Auch das gehört zu ihrer jungen Sportlerkarriere: ein Rückzugsort, an dem einem alles vertraut ist. Wo sich aller Ehrgeiz für eine Zeit lang legt. Hier kann Bestvater durchatmen und Kraft tanken. Um später an den Kletterwänden in Tokio, Delhi oder New York wieder alles aus sich herauszuholen. 

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