Ich bin ein Thüringer aus dem Siegerland.

Der Prachtgarten von Erfurt

Vor vier Jahren kam Hinrich Schmoch nach Thüringen. Das Bundesland ist für ihn ein Zuhause geworden. Hier hat er seine berufliche Erfüllung als Nachhaltigkeitsmanager in einem Sägewerk gefunden. Und weil er in Teilzeit arbeiten kann, bleibt ihm genügend Zeit, um sich nebenbei einen Traum zu erfüllen – in seinem P(r)achtgarten mitten in Erfurt.

Als Treffpunkt hat Hinrich Schmoch das Café Hilgenfeld direkt am Domplatz ausgesucht. Retrotapeten mit verschnörkelten Pflanzenmotiven, speziell geröstete Kaffeebohnen aus Bioanbau, fair gehandelt, das Publikum eine Mischung aus Jung und Alt, Einheimischen und Besuchern. Der 31-Jährige trägt ein orangefarbenes T-Shirt, die blonden Haare an den Seiten kurz, einen kleinen Bart am Kinn. Dazu kommt eine ungemein freundliche, offene Ausstrahlung. Durch die Fenster sieht man den gotischen Dom mit den obligatorischen Touristen, die auf den Treppenstufen sitzen. Überhaupt ist Erfurt eine malerische Stadt, auch nach drei Jahren empfindet Schmoch das immer noch so. „Der beleuchtete Dom in der Nacht, ohne Menschen davor, das ist toll.“ Er bestellt einen Kaffee und legt sein Telefon auf den Tisch, ein Modell von 2003. „Ich hatte nie Interesse an großen Autos oder an neuen Handys. Ich habe gesagt, ich werde das benutzen, bis es kaputtgeht. Aber es geht nicht kaputt.“

Hinrich Schmoch folgte seiner Freundin nach Thüringen – und fand hier ein Zuhause

In Erfurt hat Schmoch buchstäblich Wurzeln geschlagen: In seiner Freizeit kümmert er sich um ein ambitioniertes Gartenprojekt, das er im Internet auf seiner Seite „Mein P(r)achtgarten“ (meinprachtgarten.de) dokumentiert. Doch dazu später. Seine Kindheit verbrachte Hinrich Schmoch am Niederrhein, seine Jugend im Siegerland. Zum Studium der Elektro- und Informationstechnik ging er erst nach Aachen, dann nach Freiburg. Er wählte seine Fächer so, dass ihm nach dem Studium sowohl Technische Akustik als auch Energietechnik offenstanden. Seinen ersten festen Job hatte er in einem Fachplaner- und Beraterbüro in München, für das er Raumakustiken entwickelte. Seine Freundin, die er vor zwölf Jahren in einer Schul-Big-Band kennenlernte, fand dann aber in Thüringen ihren Wunschjob. Nach anderthalb Jahren Fernbeziehung zog Schmoch 2014 nach – und war sofort beeindruckt. „Als ich das erste Mal nach Thüringen kam, war ich erstaunt über die ganzen grünen Flächen bis zum Horizont. In Thüringen kann man über das weite Land gucken, und am Horizont ist vielleicht mal eine Burg. Das ist alles. Hier gibt es die Räume, etwas zu erschaffen“, sagt Schmoch und meint damit durchaus auch intellektuelle Räume.

Ob bei der Arbeit oder in der Freizeit: Hinrich Schmoch geht gern eigene Wege

Sein Arbeitgeber hat ihm dabei geholfen, diese Räume zu nutzen. Pollmeier, Europas führendes Sägewerk für Buchenholz. 400 Mitarbeiter allein in Creuzburg, 80 Kilometer von Erfurt entfernt. Für den Arbeitsweg bildet Schmoch Fahrgemeinschaften mit Kollegen. „Acht oder neun Mitarbeiter wohnen hier, da finden sich eigentlich immer genug zusammen. Bei Pollmeier ist der kollegiale Zusammenhalt ganz toll. Wie ich mir habe sagen lassen, ist das typisch für die Region. Ich selbst habe da zu wenig Vergleiche.“ Pollmeier hat die leistungsfähigsten Laubholzsägewerke Europas, technisch ganz weit vorn, dazu ein modernes Bürogebäude in einem drei Hektar großen Park, den die Mitarbeiter in ihren Pausen zur Entspannung nutzen. Das Holz kommt ausschließlich aus nachhaltiger deutscher Forstwirtschaft, größtenteils regional.

In Thüringen kann man über das weite Land gucken, und am Horizont ist vielleicht mal eine Burg. Das ist alles. Hier gibt es die Räume, etwas zu erschaffen.

Seine offizielle Arbeitsbezeichnung ist „Energieoptimierer“. „Das klingt wohl versehentlich so esoterisch. Ich glaube, ‚Nachhaltigkeitsmanager‘ trifft es besser.“ Seine Aufgabe ist es, der Firma zu helfen, Energie zu sparen, vor allem Strom. Herauszufinden, wie das geht, ist für ihn nicht nur ein Job, sondern eine Leidenschaft. „Ich genieße es sehr, dass ich dort jedes Thema, an das ich gesetzt werde, auf meine Weise ausgestalten kann“, sagt Schmoch. „Beispielsweise Energiemanagement: Lieber entwickle ich meine eigene Software, statt Programme zu kaufen und Einschränkungen zu akzeptieren. So kann ich selbst entscheiden, wie ich die Probleme löse, eben weil man mir vertraut.“ Selbstständig Ideen finden und ausprobieren, und das zum Wohl des Unternehmens wie der Umwelt – so geht Arbeit heute.

Auch im Privatleben macht er gern Sachen selbst. Ob es die Website ist, sein Garten, Brot oder Musik. „Paddle your own canoe“ steht auf seinem T-Shirt, das er mal von seiner Schwiegeroma vor einer Paddeltour geschenkt bekam. Es könnte sein Lebensmotto sein. Er spielt Saxofon und hatte früher ein Jazzquartett, das sich dann mit der Zeit aber in alle Winde zerschlug. Richtige Idole hat er keine, er ist nicht der Typ für Starverehrung, aber Chris Potter und Dave Holland hört er viel. Auf jeden Fall kennt er keine stilistischen Scheuklappen: Für seine alte Schul-Big-Band arrangierte er gerade „Working Day And Night“ von Michael Jackson neu. 

Die Thüringer sind Hinrich Schmoch ans Herz gewachsen

Das Siegerland sieht er nach wie vor als seine Heimat. Sein Zuhause aber ist Thüringen. „Es ist auch das erste Mal, dass ich irgendwo wohne, ohne dass es ein geplantes Ende gibt.“ Inzwischen lebt er mit seiner Freundin zusammen, ganz in der Nähe des Domplatzes. Dass er in Thüringen heimisch wurde, liegt auch daran, dass das Bundesland interessante berufliche Möglichkeiten bietet, und das bei relativ niedrigen Lebenshaltungskosten. So kann er sich seinen Garten leisten, auch wenn er nur vier Tage in der Woche arbeitet. Der Freitag ist frei, Arbeit und Freizeit sollen in einem gesunden Verhältnis stehen, das ist Schmoch wichtig.

„Ich hatte im Vorfeld einige Möglichkeiten durchgespielt: ein Stück Brachland bearbeiten, einen Gemeinschaftsgarten mit Freunden“, erzählt er auf dem Weg zum Garten. Nur eine einzige Anfrage an eine Kleingartenkolonie schrieb er: „Ich hab dann gleich gesagt, es soll was Verwildertes sein, keine Parzelle mit unterkellerter Laube und Swimmingpool. Das haben die ernst genommen.“ Der Kleingartenverein „Am Petersberg“ liegt mitten in der Stadt, direkt bei der Zitadelle im aufstrebenden Stadtteil Brühl. Ein unerwartetes Refugium, ein Patchwork verschiedenster Vorstellungen vom idealen Garten. Akkurate Rasenflächen, wie mit der Nagelschere geschnitten, neben pragmatischer Rumpeligkeit – und Hinrich Schmochs Naturgarten. Die Nachbarn kommen bei aller Unterschiedlichkeit gut miteinander aus. Die Thüringer sind ihm ans Herz gewachsen: „Das sind bodenständige, ehrliche und direkte Menschen, die ihr Licht manchmal etwas zu sehr unter den Scheffel stellen. Etwas mehr Selbstbewusstsein könnten sie sich ohne Weiteres leisten.“ 

Wie der Garten sich entwickelt, dokumentiert Schmoch auf seiner Internetseite

Als er die Parzelle das erste Mal sah, wuchs ihm das Unkraut buchstäblich über den Kopf hinaus. „Wie da hinten“, er zeigt auf ein undurchdringliches Dickicht aus wuchernden Brombeeren und bis zu zwei Meter hohen Unkräutern, „den Teil konnte ich noch nicht bearbeiten. So sah der ganze Garten aus.“ Auch die Laube ist nicht die frischeste. Die Wände sind schief, der Putz bröckelt, und das Dach wölbt sich nach innen. „Die will ich dieses Jahr noch abreißen und durch einen Bauwagen ersetzen.“

Gleich links vom Gartentor soll eine Sommerblühwiese entstehen. Zurzeit weht nur Herbstlaub über die graue Erde. Der Plan ist, sie zweimal im Jahr mit der Sense zu mähen. Die Wiese wird dadurch magerer, sie verliert Nährstoffe. Und je weniger Nährstoffe, desto größer die Artenvielfalt. „Ich werde diese Stelle also mehr oder weniger in Ruhe lassen und warte ab, welche Pflanzen sich ansiedeln.“ Man sollte einem Garten seinen Willen nicht aufzwingen.

„Jedes Element hier im Garten soll möglichst viele Funktionen erfüllen.“ Das Spalier für die Himbeeren hat er aus Restholz gebaut, das beim Beschnitt anfiel. „Mein Ziel ist es, so wenig wie möglich zu kaufen und so wenig wie möglich wegzuwerfen.“ Die Hälfte der anfallenden Kosten sind für Pacht und Mitgliedschaft, was im Garten wächst, kommt auf den Tisch. „Wenn man sieht, was ich reinstecke und was ich raushole, dann bin ich schon fast al pari.“ Seine Liebe zu Zahlen und Statistiken lässt sich nicht verleugnen, auf „Mein P(r)achtgarten“ finden sich alle Details: Was konnte er ernten, wie viel hat er ausgegeben? Mit Karten, die zeigen, was er wo anpflanzt, Tabellen und Tortendiagrammen. Die Seite hat er von A bis Z selbst programmiert. „Als Fingerübung“, sagt er. „Ich bin ein Datenfreak.“ 

Die besten Ideen kommen Schmoch, wenn er seine Gedanken wandern lassen kann

Apfel, Pflaume, Pfirsich, Kirsche standen schon lange im Garten. Nur der Apfelbaum hatte getragen, leider waren die Früchte gammelig. „Ich versuche, zu jedem Schädling den passenden Nützling zu finden, aber in diesem Fall hab ich dem Baum und seinen Nützlingen wohl noch nicht den richtigen Lebensraum geboten.“ Ein Grund mehr, Raum für die Entwicklung der größtmöglichen Vielfalt zu bieten. Dann entwickeln sich die Nützlinge von selbst. Alles hängt miteinander zusammen, im Garten wie im Leben. „Es wird viel über die Life-Work-Balance geredet. Aber ich glaube, es sind drei Säulen: Arbeit, Sozialleben und die Zeit, die man für sich alleine hat“, sagt Hinrich Schmoch. Im Garten kann er ganz für sich sein und zugleich produktiv: „Das hat mich ausgeglichener gemacht, auf jeden Fall.“ Und wenn man ausgeglichen ist, wenn die Gedanken von selbst wandern, kommt man oft auf die besten Ideen.