Ihre Entscheidung zu Cookies auf dieser Wesite ist für uns wichtig

Wir nutzen Cookies, um statistische Daten zur Optimierung der Website-Funktionen zu erheben. Das von uns zu diesem Zweck eingesetzte Tool ist etracker. Klicken Sie auf „Stimme zu und weiter“, um Cookies zu akzeptieren und direkt zur Website weiter zu navigieren; oder klicken Sie unten auf „Cookies ablehnen“. In dem Fall können Sie dieses Internetangebot nutzen, ohne dass die genannten Tools eingesetzt werden. Einzelheiten zu Cookies und die eingesetzten Tools erfahren Sie unter Datenschutzhinweise.

Thüringen Testimonialkampagne Ushree Barua Buch

Ich bin eine Thüringerin aus Chittagong

Die nächste Stufe: den Doktor in Erfurt machen

Ushree Barua hat sich in Erfurt ihren großen Traum erfüllt: Die junge Frau aus Bangladesch studiert im Masterstudiengang Public Policy an der Willy Brandt School. Die Thüringer Landeshauptstadt ist ihr ans Herz gewachsen, hier hat sie gute Freunde und eine Gastfamilie gefunden. Doch der Abschied aus ihrer Heimat war alles andere als einfach.

Es fiel ihr schwer, die Bewerbung vor ihrer Familie geheim zu halten, aber es musste sein: Ushree Barua wollte nicht überredet werden, doch in Bangladesch zu bleiben – sie hatte ihre Entscheidung bereits getroffen. Also rückte sie erst mit der Sprache heraus, als sie ihr Stipendium vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) in den Händen hielt. Unterstützt wurde sie dabei vor allem von ihrem Vater, einem Professor für Management: „Er hat mir immer gesagt: ‚Du hast das Stipendium verdient, das ist dein Erfolg, dein Traum, also werde ich dich nicht aufhalten‘“, sagt die 27-Jährige, die in Chittagong, der zweitgrößten Stadt des Landes, aufgewachsen ist.

Ihr Traum wurde in Erfurt wahr, an der Willy Brandt School, wo sie seit Herbst 2016 im Masterstudiengang Public Policy studiert. Vorlesungen und Seminare werden komplett in englischer Sprache gehalten. Baruas Kommilitonen kommen aus 58 verschiedenen Ländern, viele Dozenten sind aus dem Ausland – internationaler geht es kaum.

Ushree Barua will die Politik verändern – ihre Hochschule unterstützt sie dabei

Die Internationalität passt zu Baruas bisherigem Studium. Der Master in Erfurt ist bereits ihr zweiter – bevor sie nach Thüringen kam, studierte sie Internationale Beziehungen in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Ihre Studienleistungen von damals konnte sie mit dem neuen Masterstudiengang an der Willy Brandt School perfekt verbinden. Neben der guten Betreuung durch die Dozenten sieht sie die Kursvielfalt als zusätzliches Plus: „Durch die große Auswahl an Veranstaltungen kann ich meinen Stundenplan ganz nach meinen Vorstellungen zusammenstellen“, sagt Barua. 

Und der ist voll gefüllt. Auf dem Campus ist sie meist von morgens bis abends anzutreffen, in manchen Wochen sogar samstags. Wenn Klausuren anstehen, verbringt sie bis zu zehn Stunden in der Uni-Bibliothek, einem lichtdurchfluteten Bau mit hohen Fenstern. Von der Decke hängt ein Kunstwerk aus roten Rohren und bildet einen Kontrast zu den streng angeordneten Buchreihen. 

An der Willy Brandt School profitiere ich von einer großen Kursauswahl und sehr guten Dozenten.

Barua ist eine zierliche junge Frau mit dunklen Augen und schwarzem Haar. Sie ist sehr höflich, ohne dass es übertrieben oder künstlich wirkt, und wenn sie lächelt, strahlt ihr ganzes Gesicht. Zugleich merkt man schnell, dass sie weiß, was sie will. Zum Beispiel zukünftig in der Politik arbeiten. Allerdings nicht in vorderster Front, sondern eher als Beraterin im Hintergrund. „In der Politik kann man unmittelbar Veränderungen anstoßen und den Menschen helfen“, erklärt sie in gutem Englisch mit sympathischem Akzent – in der deutschen Sprache fühlt sie sich noch nicht sicher genug. „Und ich habe mir immer gesagt: Wenn ich verstehe, wie Politik funktioniert, dann kann ich mit diesem Wissen etwas verändern.“ 

In Erfurt hat sie Freunde aus aller Welt gefunden

Die Bücher, die sie nun aus den Regalen zieht, sind nicht nur Klausurstoff, sondern bieten ihr eine Chance, Verhältnisse zu hinterfragen und zu verbessern. Zum Beispiel die Rechte von Frauen und Kindern in ihrem Heimatland – eine Herzensangelegenheit für die junge Frau aus Bangladesch. Nach dem Master möchte sie eine Doktorarbeit schreiben. In Erfurt? Barua zeigt ihr schönstes Lächeln: „Das wäre natürlich toll.“

Aber auch die ambitionierte Studentin braucht einmal eine Pause von der großen Politik. Am liebsten im Campus-Café Hilgenfeld, im Erdgeschoss der Uni-Bibliothek. Unaufhörlich zischen hier die Espressomaschinen, der würzige Geruch von Kaffee erfüllt die Luft. Die meisten Tische sind schon belegt, einige mit Büchern und Laptops. Barua trifft sich mit zwei Kommilitonen, die inzwischen zu guten Freunden geworden sind, Alfred Gjeloshi und Lakshme Oli. Gjeloshi ist Albaner, Oli kommt aus Nepal.

Zur Begrüßung umarmen sie sich so herzlich, als würden sie sich schon ewig kennen. Sie sehen sich ja auch beinahe täglich – manchmal zum Lernen, aber meistens, um über Gott und die Welt zu reden, auf Englisch natürlich. Barua hat ihren Laptop auf dem Tisch aufgeklappt, später werden sie sich noch auf ein gemeinsames Seminar vorbereiten. Aber zuerst erzählt Oli ausgiebig von ihrem Wochenende, und Gjeloshi gibt Neuigkeiten aus dem gemeinsamen Freundeskreis zum Besten. 

Außerhalb des Campus laden sie sich oft gegenseitig ins Wohnheim ein, zum Beispiel zum gemeinsamen Kochen. Die Bangladescherin bereitet dann ein landestypisches Curry mit Reis zu. Oder sie gehen ins Café International des Thüringer Studentenwerks, in dem regelmäßig internationale Studierende ihre heimischen Speisen vorstellen. Barua genießt solche Aktivitäten sehr – umso mehr, weil sie einen Vergleich zu anderen Uni-Städten ziehen kann: „Durch meinen Sprachkurs in München kenne ich viele Studierende in anderen deutschen Städten – ein so vielfältiges Angebot an sozialen Aktivitäten wie in Erfurt gibt es dort häufig nicht.“

Ideale Lebensbedingungen für internationale Studierende

München war ihre erste Station in Deutschland, im Frühjahr 2016. In der bayrischen Hauptstadt hat sie auch ihre heutige beste Freundin Oli kennengelernt. Ein halbes Jahr lang lernten die beiden jungen Frauen dort Deutsch. Nach Abschluss des Sprachkurses zogen sie dann gemeinsam mit anderen internationalen Studierenden nach Erfurt – ihre Ankunft war jedoch erst einmal ernüchternd: „Wir hatten eine sechsstündige Busfahrt hinter uns, und es war sehr regnerisch und düster“, erinnert sich Barua. „Und das erste Wohnheimzimmer war klein und ein bisschen alt.“

Nachdem sie ihr erstes Semester in einem älteren Wohnheim verbracht hatte, konnte sie schon bald in ein neues, modernes Studentenapartment umziehen. Die guten Wohn- und Lebensbedingungen machen Erfurt für internationale Studierende so attraktiv: „Hier muss ich für Unterkunft und Monatskarte sehr viel weniger Geld ausgeben als zum Beispiel in München. Das erleichtert mein Leben ungemein.“

Von Thüringen in alle Ecken Deutschlands

Ushree Barua fährt gern ins Umland und besucht die nahe gelegenen Städte wie Jena oder Weimar: „Die Natur rund um Weimar ist besonders schön“, schwärmt sie. Und wenn sie einmal ein paar Tage am Stück Zeit hat, setzt sie sich in den Zug und bereist die unterschiedlichsten Ecken in Deutschland. Am liebsten mittelgroße alte Städte wie Marburg, Nürnberg oder Koblenz. Barua profitiert von der guten geografischen Lage von Stadt und Bundesland: „Thüringen ist perfekt für meine Reisen quer durch Deutschland – von hier komme ich schnell in viele unterschiedliche Regionen.“ 

Wenn sie von ihren Reisen zurückkehrt, fühlt es sich mittlerweile an, wie nach Hause zu kommen: „Erfurt ist meine zweite Heimat“, sagt sie. Und in dieser hat sie auch eine „zweite Mutter“, die immer für ihre Gasttochter da ist: Sie heißt Silke Rauch und lernte Ushree bei einer Veranstaltung des Patenschaftsprojekts „Fremde werden Freunde“ kennen, wo internationale Studierende und potenzielle Gastfamilien aufeinandertreffen. 

Die ersten Weihnachtsplätzchen

Vom ersten Moment an stimmte die Chemie zwischen der 27-jährigen Studentin aus Bangladesch und der 53-jährigen Physiotherapeutin aus Erfurt. Rauch zeigte ihrer Gasttochter die schönsten Sehenswürdigkeiten Erfurts. Zum Martinstag besuchte sie mit ihr das Augustinerkloster, in dem Luther einst als Mönch gelebt hat. Und in der Vorweihnachtszeit des letzten Jahres zeigte sie ihrer Gasttochter zum ersten Mal einen Weihnachtsmarkt – auf dem Erfurter Domplatz ließ sich Barua die ersten Weihnachtsplätzchen ihres Lebens schmecken. „Die waren köstlich“, sagt sie und strahlt. 

In vielen Großstädten geht alles viel zu schnell – in Erfurt habe ich Platz zum Durchatmen.

Die gemeinsamen Ausflüge erleichterten Barua den Start in Erfurt ungemein. Dazu kam, dass sie von Hochschule und Stadtverwaltung immer die Unterstützung bekommen hatte, die sie brauchte. So wurde sie von einem Mitarbeiter der Willy-Brandt-Hochschule zur Ausländerbehörde begleitet. „Gerade die Amtsgänge waren schwierig für mich, da die meisten Formulare in deutscher Sprache waren“, erzählt Barua. „Aber die Beamten waren sehr freundlich und hilfsbereit.“ 

Märchenland und Klein-Florenz: Erfurt ist beides

Im Alltag trifft sich Barua abends nach den Vorlesungen mit ihrer Gastmutter. Dann setzen sich die beiden in ein schönes, kleines Café auf der Krämerbrücke, mit Blick auf den Fluss. Auf der Krämerbrücke schmiegen sich viele kleine Fachwerkhäuser mit schmalen Holzbalkonen aneinander. „Wie aus dem Märchenland“, sagt Barua und lächelt. An den Ufern der Gera geht sie gern spazieren und gönnt sich ein Eis, manchmal mit Freunden, manchmal allein. „Früher war ich sehr introvertiert und habe mich immer sehr zurückgenommen“, sagt sie nachdenklich und fügt hinzu: „Das hat sich geändert, ich bin zwar immer noch keine sehr extrovertierte Person, aber ich entdecke hier immer neue Seiten an mir. Allein durch die unterschiedlichen Leute, die mir hier begegnen.“

Es ist mittlerweile später Nachmittag. Vom Petersberg aus kann man die ganze Stadt überblicken: den Erfurter Dom, die kleinen verwinkelten Gässchen und im Hintergrund den Steigerwald. „Von hier aus sieht Erfurt aus wie ein kleines Florenz“, sagt Barua. Der Kontrast zu ihrem vorherigen Leben könnte kaum größer sein: In Dhaka, wo sie acht Jahre lang gelebt hat, wohnen mehr als 14 Millionen Menschen. Aber den Trubel der Metropole vermisst Barua nicht: „In der Großstadt geht alles viel zu schnell, keiner hat Zeit, keiner achtet auf den anderen“, sagt die 27-Jährige. „In Erfurt ist es friedlicher, hier habe ich Platz und kann durchatmen.“

Wünscht sie sich in so einem Moment, in dem aller Studienstress von ihr abfällt, oft in ihre „erste Heimat“, zu ihrer Familie zurück? Einen Moment hält Barua inne. „Natürlich vermisse ich meine Familie und meine Freunde“, sagt sie dann. „Aber manchmal muss man eben aus seiner vertrauten Komfortzone heraus und sie gegen neue Möglichkeiten eintauschen.“ Langsam legt sich der Abend über Klein-Florenz. Ein letzter Blick auf den Erfurter Dom, dann geht es wieder hinunter in die Stadt. Heute Abend trifft sie sich noch mit ihren Freunden aus aller Welt.

Ähnliche Artikel

Erfurt macht das (Studi-)Leben leichter

Rausgehen, mitmachen, das Leben genießen.