Martin Luther: Reformator und Rhetoriker

Ob als Austragungsort des legendären Sängerwettstreits, als Wirkungsstätte der Heiligen Elisabeth oder als Residenz des Gegenkönigs und Stauferfeindes Heinrich Raspe – die Wartburg spielt in der deutschen Geschichte eine zentrale Rolle. Ihren internationalen Ruhm freilich verdankt sie Martin Luther. Er übersetzte in dem wehrhaften Gemäuer 1521 das Neue Testament, damit auch Laien das Wort Gottes verstehen konnten. Zwar war Luther nicht der erste, der die Bibel auf Deutsch drucken ließ. Doch im Gegensatz zu seinen Vorgängern erreichte er sein Ziel – und übertraf es sogar: Sein Text verbreitete sich im gesamten deutschen Sprachraum und trug wesentlich dazu bei, dass eine deutsche Schriftsprache entstehen konnte. An Martin Luthers Wortwahl orientierten sich Autoren von der Ostsee bis zu den Alpen. Und noch ein halbes Jahrtausend später wimmelt das Deutsche von Ausdrücken und Redewendungen, die der Reformator ersann oder zumindest populär machte. Dazu gehören der „Sündenbock“ und die „Gewissensbisse“ ebenso wie das „Machtwort“ und der „Lockvogel“. Ohne Luther würde weder jemand „etwas ausposaunen“ noch „seine Zunge im Zaum halten“. Gut also, dass der fleißige Theologe und begnadete Rhetoriker auf der Wartburg „die Zähne zusammenbiss“ und „im Schweiße seines Angesichts“ arbeitete. Sonst wäre den Deutschen vielleicht nie „ein Licht aufgegangen“.

Veröffentlicht am:
09.12.2021