Zwei Frauen und ein Mann tanzen in Tracht vor einer alten Häuserkulissen.  Die Frauen tragen Zwei Männer stehen rechts davon und filmen mit Kamera und Tonangel.
Für die Dreharbeiten seines Dokumentarfilms „Thüringen, Deine Sprache“ besuchte Gerald Backhaus das Altenburger Folkloreensemble.

No wie ’en? So spricht Thüringen!

Dialekte sind Teil unserer Identität und gelten als kulturelles Erbe. Trotzdem können wir das Gegenüber im eigenen Bundesland manchmal nur schwer verstehen. Filmemacher Gerald Backhaus ist dem Phänomen der Thüringer Dialekte in seiner Reihe „Thüringen, Deine Sprache“ auf den Grund gegangen.

Entgegen vieler Annahmen gibt es nicht den einen Thüringer Dialekt. Es gibt mehrere. Für die Aufnahmen zu seinen beiden Filmen besuchte Backhaus Menschen aus Thüringen, die noch originale Mundart sprechen, um die Vielfalt der Dialekte in seiner Heimat zu zeigen. Das typische Thüringische, das Leute außerhalb des Bundeslandes mit der Mundart verbinden, sei nach ihm der zentralthüringische Dialekt aus der Mitte des Landes rund um Erfurt, Gotha und Ilmenau. Der Rennsteig, ein 170 Kilometer langer Höhenwanderweg im Thüringer Wald, teilt die regionalen Mundarten in zwei Sprachräume. Sprachforscher hätten insgesamt neun Regionen unterschiedlicher Thüringer Dialekte definiert, so Backhaus.

So klingt das Gedicht „Goth’sche Wänster“ (Gothaer Kinder) von Andreas M. Cramer im Thüringer Dialekt Zentralthüringisch:

Quelle: Aus den Dokumentarfilm „Thüringen, Deine Sprache 2“, © Gerald Backhaus 2021

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Stilisierte Karte von Thüringen mit Zeichnungen von stadtbezogenen Bauwerken und einer roten Grenzlinie.

Die Thüringenkarte

Ganze neun Mundarten gibt es in Thüringen. Backhaus veranschaulicht die Dialektregionen in einer Thüringenkarte.

 

Quelle: aus dem Dokumentarfilm „Thüringen, Deine Sprache“

© Gerald Backhaus 2019

Gerald Backhaus, ein Mann in Khakishorts, Glatze und Vollbart, sitzt gegenüber der Altenburger Folkloreensemble, einer fünfköpfigen Gruppe in schwarz-weißer Tracht gegenüber. Die Gruppe sitzt an einem Holztisch in einem altertümlichen Raum mit weiß-grüner Holzvertäfelung. Backhaus sitzt ihnen gegenüber und hält eine Tonangel Richtung der Gruppe. Sein Kollege neben ihm trägt Karohemd und hat sich Kopfhörer aufgesetzt. Er hat eine große Kamera auf die Gruppe am Tisch gerichtet. Der Dreh ist für den Dokumentarfilm "Thüringen, Deine Sprache".
Gerald Backhaus ist mit seinem Team für den Dreh seines Dokumentarfilms „Thüringen, Deine Sprache“ zu Gast bei dem Altenburger Folkloreensemble.

Übersicht der Thüringer Dialekte

  1. Nordthüringisch
  2. Nordostthüringisch
  3. Zentralthüringisch
  4. Ilmthüringisch
  5. Ostthüringisch
  6. Südostthüringisch
  7. Westthüringisch
  8. Hennebergisch (Fränkisch)
  9. Itzgründisch (Fränkisch)

Mein Lieblingsspruch in Thüringen ist:

„No wie ’en?“ – ein Gruß in Gotha für „Wie geht’s?“

Gerald Backhaus

Der Ursprung der vielen Dialekte liegt in der Historie Thüringens, wie Backhaus erklärt, in der Kleinstaaterei, genauer gesagt. Der Freistaat bestand in der Vergangenheit aus vielen unabhängigen Fürstentümern, die ähnlich wie Stadtstaaten organisiert waren. Zu Thüringens Fürstentümern zählten unter anderem Gotha, Weimar, Meiningen und Erfurt – alle prägten eigene Mundarten, wie in Meiningen zum Beispiel das Itzgründische.

So klingt der Thüringer Dialekt Itzgründisch aus dem Ort Rauenstein:

Quelle: Aus den Dokumentarfilmen „Thüringen, Deine Sprache 1 + 2“, © Gerald Backhaus 2019/21

Hinzu kommt die geografisch zentrale Lage von Thüringen als Land in der Mitte der heutigen Bundesrepublik. Es galt nach Backhaus bereits früh als Durchfahrtsgebiet. Verstärkt wurde dieser Transitcharakter durch die ehemalige Handelsstraße Via Regia, die bis in die Neuzeit bestand. Thüringen habe, so Backhaus, durch seine zentrale Lage bereits früh für eine Durchmischung von Einflüssen aus Hessen, Bayern und Sachsen gesorgt: „Thüringen hat keine Außengrenzen zum Ausland. Es ist ein Land mitten in Deutschland und das spiegelt sich in den Mundarten und Dialekten wider“, erläutert Backhaus.

Verschiedene Thüringer haben einen Beispielsatz eingesprochen, bei dem sich nach Dialektforschern der Universität Jena die Varianz der Thüringer Dialekte besonders gut erkennen lässt: „Setze dir mal ein Kopftuch auf, damit du dich bei dem schlechten Wetter nicht erkältest.“

Quelle: Aus den Dokumentarfilmen „Thüringen, Deine Sprache 1 + 2“, © Gerald Backhaus 2019/21

Wie unsere Sprache sind auch die Thüringer Dialekte im ständigen Wandel. Durch den Anstieg von Mobilität und sozialen Medien schleifen sie sich nach Backhaus’ Auffassung immer weiter ab und entwickeln sich so zu einer regionalen Umgangssprache – Hochdeutsch, das mit Dialekt eingefärbt ist. Noch immer herrsche das Vorurteil, Dialekt sei die Sprache der einfacheren Leute ohne Bildung. Mundart sei jedoch viel mehr. „Es ist Heimat“, sagt Backhaus und ergänzt: „Dialekt ist nicht nur Herkunft, sondern auch Identität.“

  • Mehrere Grundschulkinder sitzen in einem Klassenraum und formen die Lippen, als würden sie singen. Sie haben Zettel vor sich liegen und ein blondes Mädchen schaut in die Kamera.
    Thüringer Schulkinder zeigen die frühe Vermittlung der Dialekte am Beispiel des Thüringer Dialektes Itzgründisch in Lauscha anlässlich des Filmdrehs zu „Thüringen, Deine Sprache“ von Gerald Backhaus.
  • Sechs mittelalte Frauen in unterschiedlichen Kleidungen sitzen auf einer Bühne an einem gedeckten Tisch und unterhalten sich angeregt. Die vorderste Frau sitzt an einem Spinnrad.
    Für den Dokumentarfilm „Thüringen, Deine Sprache“ drehte Gerald Backaus in Frankenheim den Thüringer Dialekt Hennebergisch.

Veröffentlicht am:
29.11.2022