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Naturnah: Schulgarten in Thüringen

Einzigartig in Deutschland: Unterrichtsfach „Schulgarten” in Thüringen

Ins Insektenhotel im Schulgarten der Montessori-Integrationsschule Erfurt ziehen gerade die Wildbienen ein. Das ist ein gutes Zeichen und sichert später im Jahr die Brombeer-Ernte. In Thüringen ist Schulgarten ein Unterrichtsfach in der obligatorischen Stundentafel der Grundschule – sogar mit eigenem Lehrplan. Kinder lernen hier weit mehr als nur, wie Obst und Gemüse wachsen.

„Die Kinder kennen bereits den Zusammenhang zwischen Bienen, Blüten und Ernte“, sagt Schulgarten-Lehrerin Yvonne Balsam. Eine große Wildblumenwiese an dem knallgelben Schulbau in der Gartenstadt Erfurt soll den Bienen zusätzlich Nahrung liefern. „Wir können jedes Jahr zwischen 14 und 18 Kilogramm Brombeeren ernten und daraus Marmelade machen“, erzählt Balsam. Diese verkaufen die Kinder und mit dem Erlös finanziert sich der Schulgarten. 

Blumen, Beete, Bäume – Schulgärten stehen in Thüringen bei Kindern hoch im Kurs. „Die Kinder arbeiten in gemischten Gruppen von Klasse 1 bis 4 draußen und das macht ihnen Spaß“, sagt Balsam. Bald beginnt das neue Gartenjahr. „Wir haben Anzuchten im Gewächshaus gemacht und die Beete vorbereitet, den Garten aufgeräumt und von den Spuren des Winters befreit.“ Die Kinder entscheiden mit, was auf die Beete kommt, überlegen, was im letzten Jahr gepflanzt war und was dieses Jahr für die Böden geeignet ist.

Schulgarten mit Geschichte: schon die Griechen wussten um die positive Wirkung

Gärten als Orte des Lernens sind nicht neu, schon die griechischen Philosophen erwähnten sie. So wandelte Sokrates mit seinen Schülern durch einen Garten und sprach über das „Bilden der Gedanken beim Gehen“. „Damals ging es noch nicht darum, das Gärtnern an sich zu lernen“, sagt Katy Wenzel. Sie ist Dozentin für das Fach Schulgarten an der Universität Erfurt und verantwortlich für die Ausbildung der Lehrkräfte in der ersten Phase, in der Yvonne Balsam am schulpraktischen Teil mitwirkt. 

Die jüngere Geschichte der Schulgärten begann laut Wenzel im 17. Jahrhundert. Damals forderte Johann Amos Comenius als erster Pädagoge für jede Schule einen Garten, in dem Schulkinder „ihre Augen an dem Anblick der Bäume, Blumen und Kräuter weiden“ sollten. Es folgten weitere Philosophen und Pädagogen wie Johann Pestalozzi oder Friedrich Fröbel, die Natur und Erziehung verknüpften. 

„Auch Maria Montessori betonte den Wert von Schulgärten und integrierte Umwelt- und Naturerziehung in ihren sogenannten Erdkinderplan“

Katy Wenzel, Dozentin für das Fach Schulgarten an der Universität Erfurt 

Montessori wollte bereits ein ökologisches Bewusstsein fördern – lange bevor der Begriff allgemein bekannt wurde. Der Schulgarten als Lernort entwickelte sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts, unter anderem bei Rudolf Steiner, der das Fach Gartenbau ab Klasse 5 in Berliner Arbeitsschulgärten unterrichten ließ. 

Kinder auf die sozialistische Landwirtschaft vorbereiten

In der DDR wurden Schulgärten ebenfalls in die Lehrpläne integriert – aus ganz pragmatischen Gründen. „Schulgärten sollten Kinder auf die sozialistische Landwirtschaft vorbereiten“, sagt Wenzel. Positiv sei gewesen, dass dadurch Strukturen und Verbindlichkeit geschaffen wurden, denn jede Schule mit Schulgartenunterricht braucht Gärten, Ausstattung, ausgebildete Fachlehrkräfte und Unterrichtszeiten.

  • Begrüßung zum Schulgartenfest

  • Idyllisch und grün: der Schulgarten

Nach der Wiedervereinigung erhielt nur Thüringen bis heute das Schulfach, in den anderen neuen Bundesländern wurden die Inhalte in den Sachunterricht integriert. „Das heißt aber nicht, dass es anderswo keine Schulgärten gibt“, betont Wenzel. Schulgärten existieren in ganz Deutschland – und ihre Bedeutung ist breit gefächert. 

Erkenntnisse aus dem Schulgarten: Äpfel kommen nicht aus dem Supermarkt

Die Expertin nennt als ersten Pluspunkt des Unterrichtsfachs, dass Kinder einen neuen Nahrungsbezug entwickeln. „Hier lernen sie, dass Radieschen nicht im Bund wachsen und Äpfel nicht aus dem Supermarkt kommen“, sagt sie. Kinder erleben den Ursprung, den Anbau und die Verarbeitung von regionalen Lebensmitteln und bekommen ein Gefühl für deren Saisonalität. Außerdem schulen die Kinder ihre Sinne: Sie riechen, schmecken, tasten, hören. Sie balancieren zwischen Beeten, graben in der Erde oder streuen Samen aus. „Das ist eine sensomotorische Förderung, die Koordination und Körpergefühl schult“, so die Dozentin. 

Der Schulgarten bietet laut Wenzel eine besondere Form der Naturerfahrung, weil Kinder die Natur hier aktiv gestalten.

„In den Schulgärten entscheiden sie mit, was wo wächst, unterscheiden Kultur- und Wildpflanzen und erleben sich als gestaltende Akteure eines Kulturökosystems.“

Katy Wenzel, Dozentin für das Fach Schulgarten an der Universität Erfurt 

Der Garten eröffnet außerdem konkrete Einblicke in ökologische Beziehungen – „etwa, warum es nicht klug ist, alle Blattläuse zu vernichten, wenn man Marienkäfer und Vögel im Garten haben möchte“. 

Der Stolz auf die Früchte der eigenen Arbeit stärkt das psychische Wohlbefinden

Es gibt auch einen gesundheitsfördernden Aspekt von Schulgärten: Die Kinder bewegen sich an der frischen Luft, probieren Rohkost und Kräuter, pflanzen Bäume und ernten die Früchte. „Träge Kinder werden belebt und nervöse Kinder beruhigt“, sagt Wenzel. Der Stolz auf die Früchte der eigenen Arbeit stärke das psychische Wohlbefinden durch Selbstwirksamkeitserfahrungen und sinnstiftendes Tun. Schulgartenarbeit kann auch Teil der Bildung für nachhaltige Entwicklung sein. „Im Schulgarten wird kompostiert, recycelt, langfristig geplant und mit Interessenkonflikten umgegangen“, so Wenzel. 

Noten werden im Schulgarten manchmal auch vergeben. Wie und ab wann, entscheidet jede Schule selbst. „Man kann beispielsweise bewerten, wie ein Kind sein Beet vorbereitet, wie die Arbeitsschritte geplant und begründet werden und ob die Kriterien bei einer Gestaltungsarbeit mit Naturmaterial eingehalten wurden“, sagt Wenzel. 

Schulgärten in Thüringen: positive Wirkung auf die psychische Entwicklung von Kindern

Dass das Fach eine langfristige Wirkung hat, haben Studien nachgewiesen. Prof. Dr. Dorothee Benkowitz lehrt am Institut für Biologie und Schulgartenentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe und sitzt im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft Schulgarten e. V. In einer Dissertation konnte Benkowitz belegen, dass die Kinder eine verbesserte Artenkenntnis erhalten und Biodiversität mehr wahrnehmen. Zum Thema Naturerfahrung hat sie 2014 wissenschaftlich ermittelt, dass die psychische Entwicklung von Kindern positiv beeinflusst wird, wenn sie Kontakt zur Natur haben. „Ein Schulgarten zahlt sich dreifach aus“, sagt Wenzel. 

Wie stark die Wirkung ist, bestätigt auch Yvonne Balsam. Zum einen könnten Kinder im Schulgarten gut ausspannen und freuen sich auf die Stunden in der Natur. „Im Schulgarten haben sie viele sichtbare Erfolge und sehen das Ergebnis – das ist toll“, sagt sie. Die Kinder würden die Erkenntnisse aus dem Schulgarten auch in ihre Familien tragen, erklärt Balsam. Wenn es möglich ist, richten sich viele im heimischen Garten ein eigenes Beet ein und fachsimpeln mit den Großeltern über die Pflanzenpflege.

Die Wichtigkeit des Schulfachs zeigt sich auch auf der Landesgartenschau in Leinefelde-Worbis. Hier wird das Thema an zwei Standorten aufgenommen: als Dauerausstellung im Pavillon „Gärtnertreff Thüringen“ und im Themengarten „Grünes Herz – Der Garten Thüringens“.